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Fachtag „Mit Leib und Seele teilhaben: Impulse für eine leibbasierte Pädagogik“

„Gefühle sind nie behindert"

Wie kommunizieren mit Menschen ohne Sprachvermögen, mit Menschen, die nicht gezielt kommunizieren können oder wollen, Menschen, die das Vertrauen in Sprache verloren haben? Hier kann der Leib als Summe aus Geist, Seele und Körper zur Begegnungsebene werden, auf der Kommunikation stattfinden kann. Der Fachtag „Mit Leib und Seele teilhaben: Impulse für eine leibbasierte Pädagogik" an der Regensburger Fachakademie für Heilpädagogik am Samstag, den 16. Juni 2018, vermittelt in Vorträgen und Workshops verschiedene Spielarten und Einsatzmöglichkeiten dieser Pädagogik.

Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, die sehr viel Maßregelung erlebt haben und auf Sprache nicht mehr reagieren. Menschen mit geistiger oder mehrfachen Behinderungen, die nicht sprechen und Gesprochenes nicht oder kaum verstehen können. Menschen, denen der Bezug zu sich selbst abhandengekommen ist. Menschen, die nach Krankheit oder Unfall im (Wach-) Koma liegen. Ältere Personen, die unter Demenz leiden.

Der Leib als Kommunikationsmittel

„Menschen mit Beeinträchtigungen verschiedenster Art lassen sich oft nur schwer ein. Sie erleben keine Wechselseitigkeit, sie erleben sich als anders", erklärt Petra Werner, die Leiterin der Fachakademie für Heilpädagogik in Regensburg. Und genau in diesen Fällen kann der Leib zum Kommunikationsmittel werden. Zu diesem Thema, dem Feld der leibbasierten Pädagogik, veranstalten die Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge und die OTH Regensburg (Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften) gemeinsam einen Fachtag für Fachkräfte in der Behinderten- und Gesundheitspflege sowie aus den Bereichen Pädagogik und Therapie. „Die Arbeit in unseren Fördereinrichtungen lebt von einem umfangreichen stets aktualisierten Fachwissen. Ich danke Frau Werner und unserer Fachakademie für Heilpädagogik, denen es erneut gelungen ist, eine Reihe von ausgewiesenen Experten für dieses wichtige Thema zu gewinnen", sagt KJF-Direktor Michael Eibl.

Den Hauptvortrag übernimmt Heilpädagoge Winfried Mall aus St. Gallen (Schweiz), Spezialist für Menschen mit umfassenden Beeinträchtigungen und Begründer des Konzepts der „Basalen Kommunikation". Grundlage dieser Kommunikation sind eben die „basalsten" Äußerungen des Körpers, zum Beispiel der Atemrhythmus, der jedem lebenden Menschen zu eigen ist. „Die Atmung ist die einzige Funktion des Körpers, die autonom abläuft und sich doch willentlich steuern lässt", erklärt Werner. Dementsprechend ist es einer der Grundzüge der Basalen Kommunikation, den Atemrhythmus als eine Ebene von Körpersprache des Gegenübers aufzunehmen, ihn zu spiegeln, mit ihm einfühlsam zu spielen. „So kann es gelingen, auch Menschen, die nicht mit den üblichen Mitteln wie Sprache erreichbar sind, die Erfahrung von Begegnung, Kommunikation und Verstandenwerden zu ermöglichen", erklärt Mall.

„Berührungen sind bedeutsam"

Es ist ein Gespräch ohne Worte: Ich bin da, nehme dich wahr, und du kannst mich wahrnehmen. Auf seiner Website hat Mall verschiedene Begegnungen dokumentiert – mit Patienten im Wachkoma genauso wie mit mehrfachbehinderten Menschen. Überall erlebte er im Laufe der Treffen und „Gespräche" eine Öffnung, Entspannung in der Körperhaltung, ja sogar Lächeln auf den Lippen. In einen an seinen Vortrag angegliederten Workshop stellt er eines dieser Beispiele ausführlich vor und bietet zudem Selbsterfahrungsangebote an.

Begegnung und auch Berührung sind Grundzüge der leibbasierten Pädagogik – ein Gegenentwurf zu vielen Ansätzen, die rein kognitive Themen in den Fokus stellen. „Das Gehirn alleine kann nicht lernen. Dazu braucht es Augen, Ohren und auch taktile Erfahrungen. Berührungen sind bedeutsam", erklärt Akademieleiterin Werner. Dementsprechend steht der Körper als Quelle für Ausdruck und Eindrücke auch im Zentrum vieler Workshops beim Fachtag.

Den Körper als vollwertig und gleich erleben

Es geht um Bewegungstherapien, um Berührt-Sein von und durch Musik, um Entspannungs- und Körperbewusstsein, um Führen und Geführtwerden, Vertrauen und Verstehen. Die Referenten dafür kommen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen. Susanne Schmucker beispielsweise ist Diplom-Psychologin und Tangolehrerin, Claudia Omonsky arbeitet als Seminarrektorin mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung und Yogalehrerin. Desweiteren sind Musiktherapheuten, Motopädagogen, Lauftherapeuten und Körper-psychologen bei der eintägigen Veranstaltung vertreten.

Bei allen Ansätzen gehe um eine alternative Form von Wahrnehmung, sagt Werner. Während sich viele Menschen im Vergleich mit anderen als „nicht normal" erlebten, könne der Leib eine Ressource sein, die völlig „in Ordnung" ist.  Im Rahmen solcher leibbasierten Therapie- und Pädagogikangebote könnten Menschen ihren Körper als Gefühle erleben und damit als gut, so wie er ist, als vollwertig und gleich. Denn, so Werner: „Gefühle sind nie behindert."

Text: Christine Wüst

 

 

Fotos: Petra Werner