bullet1Die Inklusive Schule: Definitionen - Konzepte - Gesetze und die Realität

 

Vom 6.-8. März fand in Mainz die Ständige Konferenz der Heilpädagogischen Ausbildungsstätten statt. Die Ständige Konferenz ist ein Zusammenschluss von Fachschulen und Fachakademien für Heilpädagogik, die sich einem gewissen Kompetenz und Ausbildungsprofil verpflichtet haben. Neben dem Austausch über aktuelle Tendenzen ist auch die Weiterentwicklung der Ausbildung hinsichtlich anstehender fachlicher, struktureller oder gesellschaftspolitischer Anforderungen ein Anliegen der Konferenz. Im Jahr 2007 stand das Thema "Integration/Inklusion" als ´Fachteil im Mittelpunkt. Dazu legten zwei Referentinnen die Begriffe und deren Implikationen den Mitgliedern der Ständigern Konferenz dar: Frau Prof. Dr. Seifert, Professorin an der Fachhochschule in Berlin, sowie Frau Mohr-Modes, Dozentin an der Fachakademie für Heilpädagogik in Regensburg.
Nachfolgend finden sie den Vortrag von Frau Mohr-Modes :

Als Orientierung und Einleitung zum heutigen Thema möchte ich mich persönlich vorstellen und meinen beruflichen Werdegang als Ergotherapeutin und Dozentin an einer Fachakademie für Heilpädagogik erläutern, d.h. Wer bin ich und wie kam ich zu der Ehre mit Ihnen über Inklusion zu sprechen?

Ich erzähle Ihnen heute eine "Back to the roots" Geschichte. Ich bin amerikanische Staatsbürgerin und habe meinen Studienabschluss (Bachelor of Science in Occupational Therapy) 1972 an der University of Puget Sound, Tacoma Washington, USA abgelegt. 1976 kam ich aus persönlichen Gründen nach Deutschland und sammelte seit 1977 Erfahrungen als Ergotherapeutin in der Jugend- und Familientherapeutischen Beratungsstelle der Stadt Regensburg. 1989 nahm ich eine Stelle als Dozentin an der Fachakademie für Heilpädagogik in Regensburg für Allgemeine Übungen, Teilbereich Wahrnehmung und Handeln (Sensorische Verarbeitungsprozesse/Sensorische Integration - SP/SI) und Supervision an. Zwischen Juli 2002 und Juni 2003 absolvierte ich einen ergotherapeutischen Master Studiengang (MSOT) an meiner früheren Universität in den USA. Dies war eine Erfahrung, die mich zurück zu den beruflichen und persönlichen Wurzeln brachte. Als ich nach dem Studium wieder in Deutschland war, durfte ich mit Prof. Dr. Dieter Lotz und seiner Frau Marion ein interessantes Gespräch in einem Restaurant in Regensburg über den Begriff Inklusion führen. Heute wird dieses Gespräch mit ihm und mit Ihnen, den Teilnehmern/innen dieser Ständigen Konferenz, weitergeführt.

Während des weiteren amerikanischen Studiums in Ergotherapie entdeckte ich nicht nur eine heilpädagogische (das Berufsbild des Heilpädagogen gibt es nicht in den USA) bzw. holistische, vernetzte und wertegeleitete Denkweise, sondern ebenso meine Muttersprache neu, d.h. das inklusive Gedankengut und die Probleme mit Wortbedeutungen! Dort wurde ich "Miss Websters" (Websters ist das Standardwörterbuch in USA) von meinen Studienkollegen/innen genannt, weil ich immer nachfragte, "Was meinst du ganz genau, denn in Websters steht…?" Ein kurzes Beispiel über Übersetzungsprobleme bzw. verschiedene kulturelle Sprachverständnisse: Das Wort "Collaboration" (Zusammenarbeit) wird im Englischen sehr häufig benutzt, aber in der deutschen Sprache bedeutet Kollaboration, "die Zusammenarbeit mit dem Feind"! Solche direkten Übersetzungen können in der internationalen Kommunikation problematisch werden und wie oft werden englische Begriffe einfach wortwörtlich ins Deutsche übernommen!

Meine Ziele für den heutigen Vortrag lauten:

  1. Gemeinsam über die genaue Bedeutung des Wortes "Inklusion" reflektieren (Miss Websters lässt grüßen!) - eine Basisdiskussion
  2. Umsetzung des Inklusionsgedankens in den schulischen Alltag - Ihnen persönliche Erfahrungen mit Inklusion in den USA und in Deutschland schildern
  3. Gemeinsam betrachten, welche Rolle die Heilpädagogik in der Frage Integration/Inklusion spielt bzw. Konsequenzen für die Ausbildung entwickeln.

Wir beginnen mit einem Zitat des Fuchses, als er mit dem kleinen Prinz sprach: "Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse." (De Saint-Exupery, 1998, S. 93) Es gibt viele verschiedene Begriffe und Definitionen im Bereich des Konzepts der Inklusion und ich habe einige aus den vielfältigen Literaturquellen für Sie herausgesucht. Heute möchte ich die Betrachtungsrichtung von der "Quelle der Missverständnisse" bzw. unserem "Sprachsalat" runter zu den Wortwurzeln einschlagen.


INTEGRATION:

Es gibt

  • eine mathematische Verwendung des Wortes Integration ' z.B. Berechnung des Integrals (die Summe aller Produkte, die man erhält, wenn man für x nach und nach alle zwischen x und xo liegenden Zahlen setzt),
  • eine politische Verwendung ' z.B. die europäische Integration,
  • eine soziologische Verwendung ' die Entstehung gesellschaftlicher Einheiten aus einer Vielzahl von Personen und Gruppen, z.B. aus verschiedenen Kulturen,
  • eine psychologische Verwendung ' z.B. die Einheit innerhalb einer Person und innerhalb ihrer Beziehungen zur Umwelt,
  • eine pädagogische Verwendung ' z.B. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen über Prozesse des gemeinsamen Spielens und Lernens auf das gemeinsame Leben als Erwachsene vorzubereiten (Heimlich, 2003),
  • eine medizinische bzw. neurologische Verwendung ' Ein neuronaler Prozess auf Nervenzellenebene: Eine Konvergenz von elektrischen Signalen aus mehreren (sensorischen) Modalitäten auf eine einzelne Nervenzelle oder auf ein neuronales Netz (Lucy Miller, 2004) und
  • eine neuropsychologische Verwendung ' Integration wird als adäquates Funktionieren der Teile im Ganzen gesehen. Das soll vor allem heißen, das Ganze wird nicht erst durch spezifische Akte erzeugt, sondern ist stets bereits vorhanden (Lurjia, 1993).

Integration bedeutet die Erschaffung einer inneren Einigkeit, eines Zentrums voller Kraft und Freiheit, so dass ein Individuum aufhört, als nur Objekt äußeren Kräften ausgeliefert zu sein und statt dessen, ein aktives Individuum, das aus seinem eigenen inneren Raum tätig werden kann." (Schumaker, 1977, S. 13)

 

INKLUSION:

  • Im pädagogischen Sinne heißt Inklusion: "Interaktionen, die zur Bildung von Gemeinschaften im Sinne von Netzwerken zur Unterstützung der selbstbestimmten sozialen Teilhabe von Menschen mit Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen beitragen." (Heimlich, 2003, S. 146)
  • "Inclusion means WITH not just IN!" (Zitiert in Boban, 2000)
  • Die Praxis der Inklusion bedeutet das Leben und Lernen aller Kinder in der allgemeinen Schule; ein System für alle; gemeinsames und individuelles Lernen für alle. (Hinz, 2005)
  • Inklusion ist weder eine "einschließende" Pädagogik noch eine "einbeziehende" Schule, sondern eine heterogene Gruppierung (für alle), eine Pädagogik der Vielfalt. (Hinz, 2005)
  • Inclusion wird im englischen als mainstreaming bezeichnet, d.h. sich im Hauptstrom befindend oder etwas in den Hauptstrom hineinbringen. (Birkenbihl, 2005, S. 97)
  • Im Rahmen der Salamanca Erklärung von 1994 (Conference on Special Needs Education: Access and Quality - UNESCO war Mitveranstalter und Delegierte aus 9 Ländern plus 25 internationalen Organisationen nahmen teil) wurde in der österreichischen Übersetzung das Wort Inclusion mit Integration übersetzt.
  • Andreas Hinz bezeichnet Inklusion "als theoretischen Reflex eines geschärften Focus angesichts einer konzeptionell verflachten und zunehmend problematischen Praxisentwicklung von Integration." (Sander, 2001, S.3)
  • Inklusion ist nicht nur eine Zusammenführung von Personen und Gruppen, sondern eine Anerkennung von Individualität in der Gemeinsamkeit, eine "Akzeptanz der Verschiedenheiten" (Hinz, 2007)
  • Inklusion ist eine optimierte und erweiterte Integration! (Sander, 2001) Natürlich erfordern die Wörter optimierte und erweiterte zusätzliche Definitionen!

Die Frage ist, wie unterscheidet sich INKLUSION von INTEGRATION?

Inklusion: Eine konsequente Weiterführung von Integration (die Hineinnahme eines Kindes in ein bestehendes System) durch umfassende Systemreform und Realisierung des Rechtes aller Kinder auf gemeinsame Bildung und Erziehung (Boban, 2003). Diese Beschreibung könnte als eine Vertiefung des Integrationsgedankens gesehen werden. Hinz (2007) meint, dass integrative Strukturen nur den Rahmen für integratives Potenzial bilden, aber nicht die Qualität. Er schrieb, "Je fitter, desto mehr Integration, je weniger fit, desto weniger integrierbar" (S.13). Das wäre eher eine Selektion. Inklusion bedeutet, dass JEDER Mensch als wertvoller Teil der Gemeinschaft willkommen ist. Integration hält sich an eine implizite Zwei-Gruppen-Theorie (Behinderte und nicht behinderte Kinder). Inklusiv geht von einer pädagogisch unteilbaren heterogenen Lerngruppe aus, d.h. verschiedene Geschlechterrollen, kulturelle Hintergründe, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen, Familienstrukturen, soziale Lagen, Fähigkeiten und Einschränkungen. (Hinz, 2007)
Individuelle Curricula werden entwickelt im Integrativen System. Bei Inklusion wird das "allgemeine Curriculum individualisierend modifiziert". (Hinz, 2007, S.14)

Im Gegensatz zu Hinz, behaupten John O'Brien und Marsha Forest aus Kanada, dass Integration das eigentliche Ziel wäre. Eine Inklusion derjenigen, die bisher außerhalb gelassen wurden, wäre der erste Schritt in Richtung Integration, d.h. Inklusion wird Integration untergeordnet! (Sander, 2001)

Na? habe ich Sie ordentlich konfus gemacht? Das war nämlich meine Intention! Sie sollen spüren, in welcher dicken Begriffsbuchstabensuppe wir alle miteinander schwimmen! Wenn wir untereinander selber nicht im Klaren sind, was wir meinen bzw. was wir wollen, wie können wir die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder und deren Eltern verstehen oder unterstützen? Es geht doch um die Kinder oder?
Um die Definitionen dieser Begriffe besser zu sortieren, betrachten wir jetzt das kulturelle Sprachverständnis, das doch oft übersehen wird. Die kulturelle Sprache bedeutet für mich die Muttersprache plus aller dazugehörigen Emotionen, Wahrnehmungen und Handlungen einer Gesellschaft. Hinz (2005, S. 14) spricht z.B. von der "Gesellschaftlichen Wunde" - eine inklusive Schule in einer exklusiv strukturierten Gesellschaft, die ständig in Widersprüche gerät, welche auf Systemebene kaum verändert werden können. In der Charta von Luxemburg 1996, einen europaweiten Dokument ("Auf dem Weg zu einer Schule für alle"), erhielt der Satz "School for all means inclusive education for all individuals into mainstream education.) verschiedene Übersetzungen:

Englisch -> inclusive education
Deutsch -> die positive Eingliederung
Dänisch -> integration
Niederländisch -> integratie van hoog niveau
Italienisch -> integrazione di qualita´
Spanisch -> integración óptima
Französisch -> der Satz über die Schule für alle fehlt völlig! Aber wahrscheinlich würde es heißen - intégration, meinte Sander (2001, S.6).

"Weißt Du, Sprache ist Spielzeug!!" (Zitat eines meiner Klienten, Felix, inzwischen 16 Jahre alt, der zu einem Beispiel einer letztendlich erfolgreichen Integrations- oder Inklusionsgeschichte wurde.)

Lassen Sie mich eine persönliche Erfahrung in meiner Muttersprache erzählen: Nach dem ich ( "Miss Websters") die lateinischen Wortwurzeln für inclusion und integration erläutert hatte, fragte ich meine jungen Studienkolleginnen: "Warum sagt Ihr Inklusion statt Integration?" Es wurde plötzlich sehr still im Raum. Die Antwort basierte auf einer kulturelle Erfahrung aus der Geschichte der USA - Der Begriff Integration ist reserviert für die Integration von Afroamerikaner in die weiße Gesellschaft, für das, wofür Martin Luther King gekämpft hat - und diese geschichtliche Erfahrung sitzt tief! Jedes Land hat seine geschichtlichen Erfahrungen und sie beeinflussen die Sprache bzw. das kulturelle Sprachverständnis!

Aber warum haben diese lateinischen Wortwurzeln für Verwirrung gesorgt?

ENGLISCH Latein DEUTSCH
to integrate (integer: whole / ganzes) integrieren
to make into a whole; unify; unite   wiederherstellen eines Ganzen
to join with something else   zusammenschließen; vereinen
to open to all people without restriction    
Inclusion (includere: to place / einschließen) Inklusion
Placement into a group, class or total   Einschluss; Enthaltensein
(to place)   (einschließen; einbeziehen)

Nach der Betrachtung der eigentlichen Grundbedeutung aus den Wortwurzeln dieser zwei Begriffe, stellt sich die Frage, wonach streben wir bzw. was wollen wir unseren Kindern wirklich anbieten - eine Integration oder eine Inklusion?

Wir bleiben kurz im Bereich des kulturellen Sprachverständnisses und zwar bei den geschichtlichen Wurzeln, denn "…tradierte Sichtweisen [werden] in der Regel nur wenig revidiert"(Hinz, 2007 S.12). Die geschichtlichen Wurzeln bzw. die 5 Stadien der Entwicklung in Deutschland von Alfred Sander (2006) formuliert, finden Sie hier stark zusammengefasst:

    1. Bis vor gut 200 Jahren wurden Menschen mit Behinderung von gesellschaftlichen Einrichtungen ausgeschlossen = EXKLUSION
    2. Kurz vor und nach der Französischen Revolution gab es Sonderschulen (Hilfsschulen) = SEPARATION (Bemerken Sie die Zeitspanne - von ca.1789 bis in das 20. Jahrhundert hinein, d.h. bis 20 Jahre nach dem 2.Weltkrieg!)
    3. In den 60er Jahren wurde begonnen Separation abzubauen. Es gab KOOPERATION von Sonderschulen mit Regelschulen. Kooperation gibt es heute noch und sie "sichert den Fortbestand der Sonderschulen".
    4. Eine Aufnahme behinderter Kinder in allgemeine Schulen mit sonderpädagogischer Unterstützung begann in den 70er Jahren (BRD - Bildungsrat 1973) = INTEGRATION
    5. Ab dem Jahr 2000 begann das Stadium der INKLUSION, d.h. Inklusion setzt bei der ganzen Klasse an, bzw. spezielle Bedürfnissen und Fähigkeiten der Mitschüler (alle Schüler) werden berücksichtigt = eine "optimierte" (Fehlentwicklungen begrifflich ausschließen) "und erweiterte" (nicht nur Kinder mit Behinderungen, sondern alle Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen) "Integration." (S.51)

Die geschichtliche Entwicklung in USA - Ein persönlicher Vergleich (Mohr-Modes, 2007)

    1. 1776 wurde die Unabhängigkeitserklärung gegenüber England unterzeichnet. Die nächsten 100 Jahre führten zur Verdrängung der Ureinwohner und einer Besiedlung durch die Weißen = EXKLUSION
    2. Nach den Bürgerkrieg (civil war) wurden 1864 die Sklaven befreit. Bis in das 20. Jahrhundert hinein bzw. in die 60er Jahre herrschte SEGREGATION (Separation). Die INTEGRATION der Afroamerikaner begann als Martin Luther King 1968 starb.
    3. Pädagogische INKLUSION (Inklusion nur für Schulbildung - den Begriff "Integration in den Schulen" hat es nie gegeben) begann in 1975 mit dem Gesetz: Education of All Handicapped Children Act (EHA or Public Law 94-142), der bestimmte, dass "…special education and related services be made available to all eligible school aged children and youth with disabilities" - (...Sonderpädagogik und die dazugehörige Dienstleistungen, z.B. therapeutische Unterstützung, müssen allen berechtigten (nach Überprüfung der Bedürftigkeit) im Schulalter befindlichen Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen zu Verfügung stehen.
    4. 1990 wurde den EHA unter einem neuen Namen: IDEA - Individuals with Disabilities Education Act (Public Law 101-476) vom Kongress re-autorisiert. Im Jahre 1997 unter Präsident Clintons Regierung wurde IDEA zum ersten Mal abgeändert (amendment) = IDEA`97 (Swinth, 2002)

Ein kurzer Blick auf die Sprache der Gesetze (auf den Ursprung der Sprache) führt uns weiter in die Verwirrung:

Auf europäischer Ebene: In der Charta von Luxemburg bezieht sich INKLUSION auf Platzierung und Unterrichtung von Schülern mit Behinderungen in Regelschulklassen mit gleichaltrigen Schülern. Das beinhaltet TEILNAHME am Gemeinschaftsleben. Die Sprache in der "Internationale Classification of Function (ICF)" wird auf Partizipation bzw. Mitwirkung, Teilnahme ebenfalls fokussiert.

Beispiele aus Deutschland bzw. Bayern:
In Deutschland ist Bildung ein menschliches Grundrecht.
Das Bayerische Erziehungs- und Unterrichtsgesetz (Bay EVG) Art. 41 Abs. 1 Satz 1-3 - Vorschriften für Behinderte und für Kranke
lautet folgendermaßen: "Schulpflichtige mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die am gemeinsamen Unterricht in der allgemeinen Schule nicht aktiv teilnehmen können oder deren sonderpädagogischer Förderbedarf an der allgemeinen Schule auch mit Unterstützung durch Mobile Sonderpädagogische Dienste nicht oder nicht hinreichend erfüllt werden kann, haben eine für sie geeignete Förderschule zu besuchen. Eine Schülerin oder ein Schüler kann aktiv am gemeinsamen Unterricht der allgemeinen Schule teilnehmen, wenn sie oder er dort, gegebenenfalls unterstützt durch Maßnahmen des Art. 21 Abs. 3, überwiegend in der Klassengemeinschaft unterrichtet werden, den verschiedenen Unterrichtsformen der allgemeinen Schule folgen und dabei schulische Fortschritte erzielen kann sowie gemeinschaftsfähig ist…"(Art. 41 Abs.1 Satz 1 und 2 BayEUG)

Daraufhin fordern die Eltern: "Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe …[aber diese] sind ohne schulische Integration undenkbar… Das BayEUG sieht diese nur für einen sehr geringen Teil der betroffenen Schüler und Schülerinnen vor…Nach den Ausführungsbestimmungen des Kultusministeriums darf ein sonderpädagogisches Gutachten die Aufnahme an der Volksschule nicht davon abhängig machen, dass die Klassenstärke verringert wird, ein erhöhtes Maß an Stunden (also mehr als 2) durch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) zur Verfügung gestellt wird oder ein Integrationshelfer gewährt wird."(Elterninitiative, o.J.)

Ein Formulierungsbeispiel aus dem Gesetz für Kindertagesstätten:
Verordnung zur Ausführung des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes (AVBayKiBiG
): § 1 Abs. 3 und 4: "(3) Kinder mit und ohne (drohende) Behinderung werden nach Möglichkeit gemeinsam gebildet, erzogen und betreut sowie darin unterstützt, sich mit ihren Stärken und Schwächen gegenseitig anzunehmen. (4) Das pädagogische Personal hat die Aufgabe soziale Integration zu fördern und Kinder bei der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität als Mädchen und Buben zu unterstützen und auf Gleichberechtigung hinzuwirken.(Stewens, 2005)

In den USA lautet die Gesetzessprache so (NICHY, 2001):
IDEA`97: "… that all children with disabilities have available to them a free appropriate public education (FAPE) that emphasizes special education and related services designed to meet their unique needs and prepare them for employment and independent living."(…dass alle Kinder mit Behinderungen- es gibt 11 Katagorien - eine kostenlose passende (angemessene) öffentliche Erziehung bzw. Schulbildung bekommen. Betont wird, dass die Sonderpädagogik und spezielle Dienste so gestaltet sind, dass die individuellen Bedürfnisse der Kinder erfüllt werden können und sie auf ein berufliches und selbständiges Leben vorbereitet werden können.)
Die IDEA`97 Philosophie wird folgendermaßen formuliert:

  • Individualized educational program (IEP) = individualisiertes Erziehungs-/Bildungsprogramm (In heilpädagogischer Sprache ist ein IEP ein individueller Entwicklungsplan!)
  • Supports in least restrictive environments (LRE) = Unterstützung, der am wenigsten einschränkenden Umgebung
  • Addresses behavior that impeads learning proactively = Achtet auf bzw. unternimmt was gegen (eventuell ersetzen mit: unterbindet) Verhalten, welches ein aktives bzw. teilhabendes, handlungsorientiertes Lernen stört.
  • Insures participation through individual accommodations = Sichert Partizipation (Teilnahme) durch individuelle Anpassungsmöglichkeiten
  • "Collaboration is the key to success!" Kollaboration (Zusammenarbeit mit dem Feind) ist der Schlüssel zum Erfolg! :Sprache ist Spielzeug!:Natürlich heißt es im Sinne einer kulturellen Verständigung, "Zusammenarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg!" (Swinth, 2002)

In der Praxis muss ein Kind zuerst untersucht werden, ob es "eine Behinderung hat" und deshalb Sonderpädagogik braucht. Diese Untersuchung beinhaltet eine Gesundheitsüberprüfung, eine visuelle und auditive Überprüfung, eine Festlegung des sozialen/emotionalen Status, eine Überprüfung der allgemeinen Intelligenz und Schulleistungsfähigkeit, des kommunikativen Status und der motorischen Fähigkeiten. Wenn eine Behinderung bzw. sonderpädagogischer Bedarf festgestellt wird, findet ein IEP - Teamgespräch - bestehend aus Eltern, Schüler (wenn wichtig), Lehrkraft, Psychologe/in oder Sozialpädagoge/in, Therapeuten - statt. Individuelle Ziele für ein Schuljahr werden entwickelt und es wird festgelegt, welche speziellen Dienste, wie oft, wo, und wie lange angeboten werden (FAPE - kostenlos). Es entsteht eine Art "Spektrum der Inklusion" im Sinne einer "am wenigsten einschränkenden Umgebung"(LRE):

Kooperation -> -> -> -> -> -> -> -> -> -> -> ->
voll Inklusion
Sonderpädagoge/in bzw. MSD im Klassenzimmer
im Klassenzimmer mit
(consultant teacher) oder eigene Förderräume
gleichaltrigen Schülern.
(pull-out - ressource rooms)  
   

Die Realität: Beispiele aus USA und aus Bayern


Als erstes möchte ich von einem Besuch einer Inklusionsgrund- und Hauptschule in den USA berichten:
"Man sieht nur mit den Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." (De Saint-Exupery, 1998, S.96)

Was haben meine Augen gesehen?

  • Kinder mit Asperger Syndrom, Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Leserechtschreibstörungen oder minimalen Körperbehinderungen in Klassengemeinschaft mit Gleichaltrigen. In einem "Container" neben dem Hauptschulgebäude, aber mit der Schule durch ein Dach verbunden, beobachtete ich acht Kinder in einer klassenübergreifenden Gruppe mit verschiedenen Behinderungen - Autismus, schwere geistige Behinderung, Mehrfachbehinderung, Verhaltensstörungen z.B. selbst verletzende Verhaltensweisen, Stereotypien, psychische Störungen usw.
  • Dieser Raum im Container hatte mehrere Arbeitstische, eine Reihe Computertische an der Fensterseite, einen Brotzeittisch bzw. Küchennische und entsprechend ausgestattete Toiletten mit Wickelraum und Duschkabinen.
  • Zwei ganztags pädagogische Kräfte und zeitweise einzelne Therapeuten (Ergotherapeuten/Physiotherapeuten) - für Einzeltherapie in der Gruppe - waren anwesend.
  • Ich sah das ganze Inklusionsspektrum - von Exklusion über Kooperation bis Inklusion. Ich erlebte ein IEP - Meeting, in dem die individuellen Ziele formuliert und sofort ins richtige Formular am Laptop getippt wurden.
  • In der Highschool gab es einen einzigen großen Raum am Ende des Korridors mit vielen Computertischen. Hier arbeiteten ca. 20 Schüler mit verschiedenen Behinderungen (leichte bis schwere) und eine Lehrkraft mit einer Praktikantin.

Was hat mein Herz gesehen?

  • Engagierte Pädagogen/innen und Therapeut/innen, Kinder und Jugendliche, die sich in einer sensorischen Reizüberflutung bemühten, sich zu konzentrieren, zu partizipieren oder nur den Schultag zu überstehen?
  • Kinder und Jugendliche, die lachten, weinten, brüllten, sangen, tanzten, schaukelten, horchten, mitmachten, verweigerten…
  • Mein Herz spürte Liebe und Akzeptanz aber auch Frust, Erschöpfung, Angst und Überforderung bei den Pädagogen und bei den Kindern.
  • Mein Herz fragte ganz leise: "Wird ein Menschenbild mit all den individuellen Potentialen bzw. Stärken und Schwächen wirklich geachtet oder heißt es - wir stehen es gemeinsam durch? Die Inklusion, für wen und zu welchem Preis?"

Betrachten wir kurz die schulpraktischen Perspektiven in Deutschland.

Die inklusive Schule - wie sollte sie am Ende der Reformprozesse letztendlich aussehen? Alfred Sander (2006) beschreibt sie folgendermaßen:

  • Sie ist eine integrative völlig aussonderungsfreie Reformschule.
  • Es gibt eine große Heterogenität der Schüler - es ist selbstverständlich, dass jedes Kind (nicht nur mit behinderungsbedingten Bedürfnissen) etwas Besonderes ist.
  • In jeder Klasse gibt es Unterricht auf mehreren Niveaus. Es muss nicht im gleichen Schritt und Tritt gelernt werden. Regelschullehrkräfte werden von sonderpädagogischen Fachkräften bzw. "Methoden- und Ressourcenlehrer/innen (M&R Lehrer/innen)" unterstützt (teacher support). Hierzu gibt es Beispiele in Kanada und England.

Meiner Meinung nach sind wir in Bayern noch weit weg von dieser Darstellung! Hierzu ein kurzes, stark zusammengefasstes Fallbeispiel:


"Melvin", Autismus und eine Kooperations- bzw. Integrationsklasse
Melvin bekam im Vorschulalter die Diagnose "Tiefgreifende Entwicklungsstörung - Autistic Spectrum Disorder". Er zeigte typische Symptome aus dem autistischen Bereich, z.B. Stereotypien, sensorische Über- und Unterreaktionen, keine Sprache und wenig Arbeitshaltung. Der Integrationswunsch, die Haltung und das Engagement bei den Eltern waren groß. Melvin besuchte einen integrativen Kindergarten. Die Einschulung in eine Schule für geistig Behinderte wurden von den Eltern abgelehnt und dafür brachten die Eltern in starker Zusammenarbeit mit universitären sonderpädagogischen Fachkräften, dem Schulamt und anderen Eltern, die Aufnahme in eine integrative Schulklasse in einer wohnortnahen städtischen Grundschule zu Stande. Diese sog. Kooperationsklasse gehörte zu einem "Bildung für Alle" Projekt in Bayern, d.h. es entstand eine Kooperationsklasse in der Grundschule bzw. im bestehenden bayrischen Schulsystem. Das Team bestand aus einer Grundschullehrerin, einer Sonderpädagogin, einer Erzieherin als Integrationshelferin, einer Heilpädagogin und einer Erzieherin aus der Schule für geistig Behinderte. Über drei Jahre versuchten alle Beteiligten, inklusiv Therapeutinnen außerhalb der Schule, Melvin zu integrieren und zu fördern. Es gab Helferkonferenzen, Fachkonferenzen, Elterngespräche usw. Das Ergebnis war ernüchternd und bestand aus Enttäuschung, Frust, Erschöpfung, Fehlversuchen, mangelndem Fortschritt, mangelnder Integration, Schuldzuweisungen und Kommunikationssperren. Die Eltern gaben letztendlich auf und zogen ins Ausland nach Irland.

Fazit: Wenn Integrations- bzw. Inklusionsgedankengut in ein bestehendes System hineingewürgt wird - ohne umfassende Systemreform - ist es zum Scheitern verurteilt.

Schauen wir auf eine positive Story. Sehen wir uns das bereits erwähnte Beispiel von Felix und seiner Inklusionserfolgsgeschichte genauer an. Wegen starken Verhaltensauffälligkeiten wurde Felix in der 4. Klasse vom Schulbesuch ausgeschlossen und es gab erhebliche Erziehungsprobleme zu Hause. Es wurde von Fachkräften der Verdacht auf Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Legasthenie und graphomotorischer Dyspraxie geäußert. Felix bekam Spieltherapie, verbrachte sechs Monate zur Beobachtung und Behandlung in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und ging danach in die Schule für Erziehungshilfe (E-Schule). Er wurde in dieser Zeit in einer heilpädagogischen Tagesgruppe (HPT) nach der Schule betreut. Felix schaffte einen Wechsel in die Hauptschule mit Hilfe einer Lehrkraft, die ihn individuell unterstützte, unter anderem durch Einsetzung eines Laptops und Schaffung mehrerer Möglichkeiten zur mündlichen Benotung. Zur Zeit befindet sich Felix in der Hauptschule "M-Zug" und hofft seine Mittlere Reife zu schaffen bzw. mit dem Endziel ein Fachabitur zu bekommen. Ich hatte die Gelegenheit Felix neulich zu befragen. Ich fragte ihn, was er in seinem Leben braucht, bzw. was ihm hilft. Er antwortete: "Menschen, die nicht werten; Menschen, die mich akzeptieren, so wie ich bin; von der Gesellschaft wenig Anpassungszwang." Hätte er die Chance mit den Therapeut/innen und Pädagogen/innen zu sprechen, die ihn bisher begleitet haben, was würde er ihnen sagen wollen? Felix brachte einen Inklusivgedanken auf den Punkt: "Hört auf in [Clustern], Gruppen und Mustern zu denken und gebt den Kindern Gelegenheit sich zu entwickeln. Ansonsten eigentlich nichts, denn diese Gruppen und Muster, in [welche] die Kinder eingeordnet werden, sind für all die Zwänge und standardisierten Behandlungen verantwortlich, die oft mehr schaden als nutzen."

Bei einem Blick auf die bildungspolitische- und fachwissenschaftliche Perspektiven in Deutschland schrieb Alfred Sander (2006): "Deutschland hat eins der am stärksten gegliederten und separierenden Bildungssysteme in Europa…"(S.9) Mit der Inklusion Schule kommt die Angst, dass die Sonderschulen aussterben. (Wie wäre es mit sowohl als auch, statt entweder oder?) Es gibt die Meinung, dass ein Kontinuum von alternativen Platzierungsmöglichkeiten den Interessen des Kindes mit sonderpädagogischen Förderbedarf besser diene. Es ist mir natürlich bewusst, dass es Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern gibt. Viele Beispiele dafür sind in der Literatur zu finden und wir haben heute Vertreter von mehreren Bundesländern hier bei dieser Konferenz, so dass ein reger Austausch in der Diskussionsrunde möglich wird. Trotz verschiedener Systeme, stellt Herr Sander fest: "Wer inklusive Schulen will, muss die Lehrerausbildung entsprechend modifizieren". (S.9) Es wirken verschiedene Lehrerorganisationen, Fachverbände und Gewerkschaften, z.B. Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) an einem Konzept "Eine Schule für Alle"

Fachwissenschaftlich braucht eine Inklusion-Schule ein enges Zusammenwirken von Sonderpädagogik und Regelpädagogik. Kompetenzen aus interkultureller Pädagogik, altersheterogene Schulklassen und Gesamtschulpädagogik, Sozialpädagogik "und anderen Teildisziplinen" sind ebenfalls erforderlich. (Sander, 2006) An dieser Stelle möchte ich rhetorisch fragen: Und die Heilpädagogik - wo ist/bleibt ihre Stimme? Denn…Inklusion findet nicht nur in der Schule statt sondern auch in vorschulischen, nachschulischen und nebenschulischen Sozialräumen!


Schlussgedanke und Diskussion

Ziel der Sprache ist Kommunikation! "Wenn ich ein Wort verwende", sagte Humpty Dumpty in einem verärgerten Ton, "hat es genau die Bedeutung, die ICH wähle - nicht mehr und nicht weniger." "Die Frage ist", sagt Alice, "ob Du die Bedeutung von Wörtern so verschieden machen darfst!" (Alice im Wunderland) Was bedeutet es hier in Deutschland, wenn wir von Inklusion sprechen? Der Begriff Inklusion ist in Deutschland bereits etabliert. Es bleiben aber mehrere Fragen: Wird wirklich Kind orientiert bzw. Klient zentriert gehandelt? Sind die einzelnen Kinder jemals gefragt worden, was sie wollen? Ist eine Inklusive Schule für jedes Kind wirklich das Ziel? Meine persönliche Meinung ist die der Kanadier: Ich finde, Integration wäre nach wie vor unser oberstes Ziel und die Inklusion (nach individuellen Bedürfnissen) wäre die Methode, dieses Ziel einer Integration zu erreichen. Inklusion verstanden, als "optimierte und erweiterte Integration", führt uns zurück zu den richtigen Begriffen und Wortwurzeln, zu der deutschen Sprache und kulturellem Sprachverständnis.

Ich habe einen sehr kritischen Blick auf die inklusive Schule geworfen; aber ich meine, ein kritischer Blick gibt Chancen für die Entwicklung eines eigenen Inklusionsmodells, das zur deutschen Geschichte und zur deutschen Kultur passt. Die Heilpädagogik mit ihrem Leitbild und mit ihrem Grundgedankengut sollte eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung spielen.

Daraus folgen Konsequenzen für die heilpädagogische Ausbildung und darüber werden wir in den Arbeitsgruppen heute Nachmittag reflektieren. Nach dem Index für Inklusion (Boban & Hinz, 2003) gibt es 3 Dimensionen des Prozesses einer inklusiven Schulentwicklung:

  • a) Inklusive Kulturen schaffen - "…Aufbau einer sicheren, akzeptierenden, zusammenarbeitenden und anregenden Gemeinschaft, in der jede/r geschätzt wird, so dass alle Schüler und Mitarbeiter ihre individuell bestmöglichen Leistungen erzielen können" (S. 14) Ich finde, die gesamte Menschheit ist noch immer am Anfang dieser Entwicklung eines inklusiven Gedankengutes. Erst wenn diese Einstellung im Herzen der Menschen verankert ist, können
  • b) Inklusive Strukturen etabliert werden - d.h. "…Inklusion als zentralen Aspekt der Schulentwicklung abzusichern und alle Strukturen durchdringen zu lassen, sodass sie das Lernen und die Teilhabemöglichkeiten aller Schüler erhöhen." (S. 14) Und zur dritten Dimension
  • c) Inklusive Praktiken entwickeln - d.h. Schule so gestalten, "dass sie die inklusiven Kulturen und Strukturen der Schule widerspiegeln. Sie stellt sicher, dass Aktivitäten innerhalb und außerhalb des Klassenraumes die Partizipation aller Schüler anregen und ihre Stärken, ihre Talente, ihr Wissen und ihre außerschulischen Erfahrungen einbeziehen." (S. 14) Ist das nicht die heilpädagogische Haltung und Handlungsweise? Sie, die Ständige Konferenz (2007) formulierte die Leitlinien für die heilpädagogische Ausbildung so, "Bei der Gestaltung ihres Lebens in Autonomie und sozialer Teilhabe bei der Entwicklung dafür erforderlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten und zum Umgang mit ihren Grenzen sind Menschen angewiesen auf Mitmenschen, die sie aus ihrer Haltung heraus und mit ihren Kompetenzen in der Begegnung mit der Welt und beim Hineinwachsen in die sozialen Netzwerke begleiten, unterstützen und fördern. Dieser Grundsatz gilt unabhängig vom Grad und von der Art der Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten…" (S.5)

Wenn etwas in der Gesellschaft geändert werden soll, muss jedes Individuum mit sich selbst anfangen, d.h. die innere Einstellung/Haltung ändern. Die eigene innere Einstellung zur Andersartigkeit muss zuerst reflektiert werden - und damit einen ersten Schritt zu "inklusiven Kulturen schaffen"! Wie wir wahrnehmen, so handeln wir und Wahrnehmungen sind veränderbar. In diesem Sinne, als letztes zusammenfassendes WORT, ein Exzerpt aus Pascal Merciers Roman Nachtzug nach Lissabon:
"Silveira holte seine Bibel und las diese Anfangssätze des Evangeliums nach Johannes: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

"Also ist das Wort das Licht der Menschen", sagte er. "Und so richtig gibt es die Dinge erst, wenn sie in Worte gefasst worden sind."
"Und die Worte müssen einen Rhythmus haben", sagte Gregorius, "einen Rhythmus, wie ihn zum Beispiel die Worte bei Johannes haben. Erst dann, erst wenn sie Poesie sind, werfen sie wirklich Licht auf die Dinge. Im wechselnden Licht der Worte können dieselben Dinge ja ganz unterschiedlich aussehen." (Mercier, 2006)
Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!

Barbara Mohr-Modes, MSOT

Literatur

Abram, S. (2003).
Die internationale Theoriendiskussion von der Integration zur Inklusion und die Praxisentwicklung in Südtirol. Erhalten am 21.02.07 vom world wide web: http://bidok.uibk.ac.at/library/ (Themenbereich: Schule).
Bayerisches Erziehungs- und Unterrichtsgesetz, Artikel 41 Absatz 1 Satz (1,2 und 3). Erhalten am 07.01.07 vom world wide web: http://www.servicestelle.bayern.de/bayern_recht/recht_db.html?http://by.juris.de/by/gesamt/EUG_BY2.
Birkenbihl, Vera (2005).
Jungen und Mädchen: Wie sie lernen. München: Knaurratgeber.de Verlag, 97.
Boban, I. / Hinz, A., (Hrsg.) (2003).
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